Blick von der Emser Brücke auf die östliche Europa Allee MG 8892Frankfurt erlebt einen starken Zuzug und Druck auf den Wohnungsmarkt. Ende der 90er Jahre bot sich die Chance, das Gelände des früheren Güterbahnhofs in der Innenstadt zu bebauen und so für Entlastung zu sorgen.

 

Das Europaviertel ist heute ein neues innenstadtnahes Stadtviertel, das auf dem Gelände des ehemaligen Hauptgüterbahnhofes im Stadtteil Gallus südöstlich vom Rebstock-Gelände, gebaut wird. Mit Fertigstellung soll die Fläche mit Büros, Hotels, Wohnungen (30 Prozent davon Sozialwohnungen), einer Schule und sozialer Infrastruktur, Parks sowie Einkaufs- und Freizeitmöglichkeiten bebaut sein. Die Fertigstellung eines U-Bahnanschlusses ist für das Jahr 2024 geplant. Im gesamten Europaviertel sollen einmal rund 30.000 Menschen arbeiten, und bis 15.000 Menschen wohnen.

Das Gebiet wird – ausgehend von zwei Immobilienentwicklungsgesellschaften – in Europaviertel West und Europaviertel Ost unterteilt; eine optische Grenze bildet die hochgelegene Bahnstrecke mit der Emser Brücke. Blick auf westliche Europa Allee mit Emser Brücke MG 8898 Das Quartier umfasst heute einschließlich weiterer Randflächen insgesamt 145 Hektar und erstreckt sich ca. 2,4 Kilometer lang vom Wohngebiet am Rebstock-Gelände und der Kuhwaldsiedlung im Nordwesten entlang des Messegeländes bis zum Güterplatz im Südosten. Im Süden wird das Areal durch die Gallus Hellerhofsiedlung begrenzt. Der Bau des neuen Viertels beeinflusst zunehmend das von Migranten geprägte Arbeiterviertel Gallus. Fassaden alter Wohnhäuser werden renoviert, Brachen bebaut, Innenhöfe „nachverdichtet“. In Zeiten der Niedrigzinsen sind auch unsanierte Altbauten für Immobilieninvestoren interessant. Auf dem Papier bilden Europaviertel und Gallus nun einen Stadtteil, doch sind sie bislang sehr unterschiedlich.

1996 entschied die Deutsche Bahn den Hauptgüterbahnhof, den größten Güterbahnhof der Stadt Frankfurt, mangels Auslastung stillzulegen und den Containerverkehr zum Ostbahnhof zu verlagern. 1998 wurde der Betrieb auf dem Hauptgüterbahnhof eingestellt. 1999 erstellte das Frankfurter Planungsbüro von Albert Speer im Auftrag der Deutschen Bahn einen Rahmenplan für die zukünftige Entwicklung des Areals. Das Nutzungskonzept sah für die brachliegenden Flächen Anteile von jeweils 25 Prozent für Wohngebiete, Grünflächen, Messeerweiterung und Mischgebiete vor. Eine konkurrierende Planung, die der deutsch-amerikanische Architekt Helmut Jahn (Architekt des Messeturmes) im Auftrag der Jahn Messestadt Rechte baunetz.deDeut-schen Bank unter dem Titel „Messe-stadt“ konzipierte, wurde nicht weiter verfolgt, da die Deutsche Bahn das Kern-gelände nicht verkaufen wollte, und Jahn Erweiterungsflächen für die Messe nicht berücksichtigt hatte. Jahn hatte neben einem Park mit See auch ein Fußball-stadion mit mobiler Überdachung, eine Eissporthalle und Einkaufscenter geplant.

 

Europaviertel Ost

22 Fußballfelder groß ist die Fläche, wo früher der Hauptgüterbahnhof zu finden war. 2008 schloss die Immobiliengesellschaft Vivico einen Betreibervertrag für ein Hotel als Bestandteil des Großprojekts Skyline Plaza. An dieser Stelle südlich des Kap Europa steht heute auf einem Der Grand Tower am Wachsen MG 8901nochmals geteilten Grundstück ein Hotel; das südliche Hochhaus namens Grand Tower (ehemals "Tower 2") ist seit Anfang 2016 im Bau und soll mit 172 Metern Deutschlands höchstes Wohnhochhaus werden. Auf dem Baufeld nördlich des Kap Europa befindet sich das Büro-Hochhaus "One" im Bau, das eine Höhe von 175 Metern erreichen und 2021 fertiggestellt sein soll. Baurecht besteht ebenfalls für ein zur Zeit nicht aktuelles Altprojekt, dem bis zu 369 Meter hohen Millenium Tower.

 

Europaviertel West

Der westlich der Emser Brücke gelegene Teil des ehemaligen Rangierfeldes wurde bis Mitte 2010 durch die Immobilienentwicklungsgesellschaft Aurelis von alten Gleisanlagen geräumt, von Belastungen entsorgt und erschlossen. Nordwestlich entstehen noch zwei reine Wohnquartiere: Zum  MG 8840einen die „Helenenhöfe“ und zum anderen das „Parkend“, wo 18 Bauten nach europä-ischen Parkanlagen benannt werden. Die Helenenhöfe gehören zu einem Großteil dem öffentlich geförderten Wohnungsbau; insgesamt soll das Europaviertel in Zukunft einen Anteil von 30 Prozent geförderter Wohnungen bieten. Zudem entstehen in mittlerer Lage zwei gemischt genutzte Quartiere, „Boulevard Mitte“ und „Boulevard West“, die mit Büros, Gastronomie und sozialen Einrichtungen bestückt werden.

 

Der „Boulevard West“ bietet auch die Wiederbelebung eines lange vernachlässigten Haustyps: der Wohnturm „Axis“ bietet Concierge-Service, ist 60 Meter hoch und hat 153 Wohnungen; der  MG 8833„Westside Tower“ ist 66 Meterhoch.  Im Boulevard Mitte sollen weitere Wohnhochhäuser folgen. Für die im Bereich West erwarteten 4000 bis 5000 Bewohner sind drei Kindertagesstätten und eine Grundschule, ein Supermarkt, Gastronomie, Apotheke und Arztpraxen sowie der zentrale Tel-Aviv-Platz vorgesehen. Am „Boulevard Mitte“ bilden Büro- und Dienstleistungsbauten den Schwerpunkt, dazu kommen kleinere Gewerbelokale und Eigentumswohnungen.

 

Mittelpunkt und verbindendes Element dieser Quartiere ist die Parkanlage „Europagarten“, unter der hindurch die boulevardartig angelegte Europa-Allee in einem dreizelligen Tunnel geführt wird. Das zuvor flache Gleisfeld wurde leicht hügelig modelliert, es bildet mit Grünflächen einen naturnah gestalteten Stadtraum.

Der Europagarten erhielt im Frühjahr 2013 eine durchgehende Grünverbindung mit dem "Neuen Rebstockpark" - vom kleinen „Gleisfeldpark“, Gleisfeldpark MG 8846verbunden mit einer Fußgängerbrücke über die tieferliegende „Straße der Nationen“ und dem neuen dreieckigen „Zeppelinpark“. Als Verbindung zur Altbebauung an der Idsteiner Straße im Südosten entstand seit Herbst 2014 der "Lotte-Specht-Park". Diese mit Aufenthalts- und Spielflächen angelegten Grünanlagen erhöhten den Wert der angrenzenden Wohnbebauung. Etwa 40 Prozent der Wohnbauten konnten so mit dem Prädikat „direkt am Park“ werben. Die Eigentumswohnungen wurden oft ab Plan oder spätestens mit Baubeginn verkauft und sind besonders bei asiatischen und russischen Investoren beliebt.

 

Derzeit im Bau soll das gesamte Europaviertel durch eine Verlängerung der U-Bahn-Linie  MG 8893U5 erschlossen werden. Die Stadt strebt die Fertigstellung der ca. 2,7 km langen U-Bahnstrecke bis 2024 an. Sie folgt dem Verlauf der zentralen Europa-Allee und hat relativ dicht liegende oberirdische Stationen an der Emser Brücke, am Europagarten und westlich des Europagartens an der bisherigen Endstation Wohnpark. Mit dieser Streckenführung soll auch der dicht besiedelte nördliche Teil des Gallusviertels erreichbar werden. Diese Erweiterung steht im Zusammenhang mit den Planungen der Stadt ein Neubaugebiet mit 2000 Wohnungen zu errichten. Wie der Magistrat der „Frankfurter Rundschau“ mitteilte, könnten die beiden neuen oberirdischen U-Bahn-Haltestellen am Kreisel Schmidtstraße und in der Nähe des geplanten Schulstandorts an der Straße Am Römerhof entstehen. Dies werde noch geprüft. Langfristig sei eine Verlängerung der U-Bahn aus dem Europaviertel in Richtung Nied und Höchst möglich. Für die bislang 2,7 Kilometer lange Verlängerung bis zum Wohnpark wurde in der Bau-und Finanzierungsvorlage für die Stadtverordneten mit Kosten von 281 Millionen Euro gerechnet - seit Ende Januar 2019 sind Mehrkosten von 101 Millionen Euro bekannt. Ursache sind inflationsbedingte Preissteigerungen, höhere Baukosten wegen Verzögerungen im Bau und kostenintensive Bombenräumungen.

 

Das Europaviertel wurde als „Reißbrettstadtteil“ ("Süddeutsche Zeitung") bezeichnet, „aus dem man nach einer Stunde die Flucht ergreife“; die Europaallee als „furchterregende, kilometerlange Straßenschneise“. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" stellte zu einem Foto aus dem Europaviertel die Frage „Das soll urban sein?“ und bemängelte die Gleichförmigkeit der den Betrachter „anstarrenden Lochfassaden“. Der Volksmund hat der Europaallee aus diesem Grund bereits den Namen „Stalinallee“ verliehen. In der Diskussion um die Bebauung weiterer Freiflächen herrscht zwischen Stadtplanern und Politikern mittlerweile die Meinung, daß sich die „Fehler“, die bei dem Europaviertel gemacht wurden nicht wiederholen dürfen. So wurden im Frankfurter Nordend beim Planungsverfahren der „Günthersburghöfe“ (früher „Innovationsquartier“) nahe Günthersburgpark und Wasserpark Bürgerinitiativen eingebunden.

Text: rub

Fotos: Pet, Baunetz.de

(Januar 2019)

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