Teaser 001Das Institut für Stadtgeschichte hat im Karmeliterkloster eine länger dauernde Ausstellung organisiert, die das gesellschaftliche Leben der Stadt in den 1960er Jahren thematisiert.

 

 

Die 1960er Jahre bildeten für die junge Bundesrepublik in mehreren Bereichen des gesellschaftlichen Zusammenlebens eine Zäsur. Auf die ersten Aufbauleistungen der Nachkriegszeit, die die größten materiellen Schäden beseitigten, folgte nun eine Zeit eines raschen sozialen Wandels, der zu tiefgreifenden basalen Veränderungen des politischen und kulturellen Grundgefüges der Bundesrepublik Deutschland geführt hat. Auch in Frankfurt hat jene Zeit bleibende Spuren hinterlassen.

Vorläuferereignisse der politischen Wand- Protest 2 001lungsprozesse und damit einhergehender Proteste waren die Auschwitzprozesse in Frankfurt und die in der Bundespolitik zu dieser Zeit geführte Verjährungsdebatte um die NS-Verbrechen. Weitere auslösende Faktoren für eine breite Protestwelle, die vor allem die Studenten erfasste, war die Hochschulpolitik, der Wertewandel der überkommenen Sexual- und Moralvorstellungen der 1950er Jahre und die Debatte um die Einführungsmöglichkeit der Notstandsgesetze. Mit der ersten Großen Koalition aus CDU und SPD im Jahre 1966 ergab sich erstmals im Bundestag eine Zweidrittelmehrheit, um die Notstandsgesetze zu verabschieden. Gleichzeitig wuchs auch der gesellschaftliche Widerstand gegen dieses Vorhaben, der nach dem Attentat auf den Studentenführer Rudi Dutschke in den Demonstrationen des Jahres 1968 einen Kulminationspunkt erreichte. Auf dem Römerberg versammelten sich im Mai 1968 rund 15 000 Schüler, Studenten, Arbeiter und auch Beschäftigte des Frankfurter Schauspiels zu einer Abschlusskundgebung der Proteste. Nach der Verabschiedung der Notstandsgesetze, die die Handlungsfähigkeit des Staates im Falle eines inneren oder äußeren Notstands sicherstellen sollte, zerfiel die breite Protestbewegung in kleine – oft ideologisch miteinander konkurrierende – zersplitterte Gruppierungen.

 

U Bahn Bau 001Die 1960er Jahre waren auch eine Zeit einer regen und ausgedehnten Bautätigkeit. Als nach dem Krieg zunächst die Innenstadt mit der Paulskirche, dem Römerberg und der Konsummeile Zeil wiederaufgebaut wurde und Frankfurt mit den neu durchbrochenen und verbreiterten Verkehrsachsen zu einer „autogerechten Stadt“ wurde, zeigten sich später die negativen Folgen einer verfehlten Stadtplanung. Mit der größten Autodichte der damaligen Bundesrepublik konnten die täglichen Pendlerströme kaum bewältigt werden. Die Lösung schien der Bau der ersten U-Bahn, der in „offener“ Bauweise erfolgte und nach fünf Jahren Bauzeit 1968 beendet werden konnte.

 

Um die Wohnungsnot zu lindern, entStadtübersicht 001stand gleichzeitig vor den Toren der Stadt ein neues Wohnquartier – die Nordweststadt. Die meisten der 7000 Wohnungen entstanden im Sozialen Wohnungsbau und trugen entscheidend zur Entwicklungsdynamik der Stadt bei. Neben dem Ausbau der Trabantenstädte änderte auch die Innenstadt ihr Erscheinungsbild. Mit dem Bau des Zürich-Hauses am Opernplatz im Jahr 1963 entstand das erste Hochhaus in Frankfurt. Weitere sollten bald folgen und die markante Skyline der Stadt fortan prägen. Zeitweise gab es sogar Pläne, mitten im Westend und in Bockenheim mehrere Hochhäuser zu errichten, was zu ersten Demonstrationen für die Erhaltung der alten Bausubstanz und gegen die Verdrängung der Mieter führte. Diese gipfelten schließlich in Hausbesetzungen und den Auseinandersetzungen mit der Polizei im „Häuserkampf“ der 1970er Jahre.

 

Kunst und Protest 001Das kulturelle Leben in Frankfurt zu Beginn der 1960er Jahre hat nur eingeschränkte Möglichkeiten gehabt. Die Alte Oper blieb bis 1981 eine Ruine und Aufführungen mussten in dem Gebäude am Willy-Brandt-Platz (1963 eröffnet), das man sich mit dem Schauspiel Frankfurt teilen musste, stattfinden. Trotzdem wurden dort deutschlandweit beachtete Inszenierungen aufgeführt. Politischer und zugleich gesellschaftskritischer ging es am Theater am Turm (TAT) im ehemaligen Volksbildungsheim zu. Viele Werke, die damals als Provokationen empfunden wurden und nicht selten in Tumulten endeten, wurden dort von Regisseuren aufgeführt, die die kulturelle Szene der Bundesrepublik in den nächsten Jahrzehnten prägen sollten.

 

Die Ausstellung ist in sechs große Themenbereiche gegliedert. An Schautafeln, auf Bildern und in Vitrinen präsentierten Exponaten – zu denen beispielsweise Aufkleber, Flugblätter oder Schülerzeitungen gehören – wird der Zeitgeist unmittelbar erlebbar gemacht. Um das Bild zu komplettieren, werden auch Alltagsgegenstände (Gesellschaftsspiele, Kataloge, Werbezettel) gezeigt, die die damals noch vorherrschenden Konsumgewohnheiten und Vorstellungen von Familie und gesellschaftlichem Zusammenleben illustrieren sollen. An einer Lesestation können die Besucher einige Dokumente aus dem Stadtarchiv einsehen und an drei Medienstationen sind kurze Dokumentarfilme und Audio-Aufnahmen abrufbar.

 

Die Ausstellung ist im November  aufgrund der aktuellen Corona-Situation geschlossen!

 

Auf der Website des Instituts für Stadtgeschichte (https://www.stadtgeschichte-ffm.de/de/home) werden allen Interessierten digitale Einblicke in das Archiv und die Sonderausstellung "Bewegte Zeiten" angeboten.

 

Die Ausstellung ist bis 18. April 2021 verlängert.

 

Ort: Karmeliterkloster, Dormitorium
Veranstalter: Institut für Stadtgeschichte
Kurator: Dr. Markus Häfner, Institut für Stadtgeschichte

Eintritt: frei
 

 

Text: pis
Fotos: srs

September 2020