IMG 2455neuDas Museum Giersch der Goethe-Universität ehrt in einer umfassenden Retrospektive einen der vielseitigsten Künstler seiner Generation – den Frankfurter Georg Heck (1897-1982).

 

 

Dass er bis heute in der breiten Öffentlichkeit weitgehend unbekannt und vergessen geblieben ist, mag daran gelegen haben, dass er lange Zeit nur als 2474neu ein Schüler von Max Beckmann wahrgenommen und seine eigenwillige Entwicklung und große Eigenständigkeit nicht adäquat gewürdigt wurde. Erstaunlich ist es, in wie vielen Techniken und Stilrichtungen er sich zu Hause fühlte. Und jedes Mal ging ein Wechsel der Technik mit einem Neuanfang im privaten Leben einher. Diese Wechsel waren oft Reaktionen auf persönlich erlebte Krisen und niederschmetternde Ereignisse, die sein Leben bestimmten. Oft markierten sie neue Lebensabschnitte, die als Bewältigung der widrigen Schicksalsschläge zu verstehen sind, die dem stets bescheiden auftretenden Künstler widerfuhren.


IMG 2521neuSein Œuvre umfasste großformatige Wandbilder (IG-Farben-Haus) und nach dem Abbruch des Gebäudes leider unwiederbringlich verlorene, minimalistisch-konstruktivistische mosaikartige Wandverzierungen im damaligen Hallenbad Höchst – abstrakte Kompositionen, die auf gezackten Linien und einfachen Flächen beruhten. Aber auch Aquarelle, Zeichnungen, Gemälde gehörten zu seinen Werken, vor allem Holzschnitte (auch farbige), die schließlich den Schwerpunkt seines Schaffens bilden sollten. Auch inhaltlich ist in seinem Werk eine erstaunliche stilistische Vielfalt festzustellen. Ausgehend vom figurativen Expressionismus, der als Grundgestus immer in seinen Werken präsent war, entwickelte er seinen Stil zu einer abstrakten, sehr suggestiv wirkenden Zeichensprache der Moderne.


Von Anfang an stand sein Leben unter keinem guten Stern. Als Kind verlor er früh seine Eltern und lebte zeitweise in einem Waisenhaus, danach in einer Pflegefamilie. In seiner individuellen Biographie spiegelt sich das unheilvolle, von vielen Umbrüchen und Katastrophen gekennzeichnete Zeitgeschehen des 20. Jahrhunderts.


Mit 14 Jahren begann er unmittelbar nach dem Abschluss der Volksschule eine Lehre als Kunstschmied. Um niemandem zur Last zu fallen, beendete er kurz nach dem Ausbruch des 1. Weltkrieges seine Lehre und nahm eine Stelle als Fabrikarbeiter bei den Frankfurter Adlerwerken an. 1916 wurde er eingezogen und verbrachte den Rest des Krieges im Stellungskrieg an der Westfront. Erst 1920 aus französischer Kriegsgefangenschaft entlassen, kam er wieder zu den Adlerwerken nach Frankfurt zurück. Dies sollte für sein weiteres Leben weitreichende Folgen haben, denn ein Jahr später kam es zu einem Arbeitsunfall, bei dem er sein Augenlicht auf einer Seite verlor. Derart geprägt durch die schweren Jahre seiner Kindheit und Jugend, entwickelte er eine unbändige Widerstandskraft und entschloss sich nun kompromisslos für ein unsicheres Dasein eines bildenden Künstlers.


IMG 2503neuDieser Entschluss sollte ihn schließlich in die Meisterklasse von Max Beckmann an der Städelschule führen, der seinen Schülern genügend Freiraum beließ, um sie zu einem eigenen Weg zu animieren. 1932 schloss er sein Studium ab, doch neue düstere Wolken am Horizont warfen schon ihre unheilvollen Schatten voraus. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten geriet Heck in die Mühlen der neuen Kulturpolitik und seine Kunst wurde als „entartet“ eingestuft. In diesem Klima war er gezwungen, nach der Entlassung Beckmanns auch sein Atelier im Städel aufzugeben. Einen neuen Arbeitsraum fand er schließlich im Karmeliterkloster. Was zunächst als eine glückliche Fügung des Schicksals aussah, erwies sich letztlich als eine Katastrophe, denn bei einem Bombenangriff im März 1944 wurde fast das gesamte Frühwerk des Künstlers Opfer der Flammen. Verglichen mit den Verlusten durch die Aktion „Entartete Kunst“ waren sie enorm, und Heck empfand sich selbst als eine „vernichtete Existenz“. Unter wenigen anderen Werken, die aus dieser Zeit erhalten geblieben sind, ist ein düsterer Zyklus von Zeichnungen aus dem Jahr 1940 hervorzuheben, der dunkle Vorahnungen von Verzweiflung, Schuld und Untergang thematisiert – eine Welt rätselhafter Grausamkeiten. Auch in dem ausdrucksstarken Holzschnitt „Klage“ von 1947 spiegeln sich die apokalyptischen Erfahrungen eines ganzen Zeitalters wider.


Dennoch fand Georg Heck die Kraft und den unbedingten Durchhaltewillen, um einen neuen IMG 2469Anfang zu wagen. Am Ende des 2. Weltkrieges wurde er noch eingezogen, geriet erneut in Kriegsgefangenschaft, die er in Italien verbrachte. Dort entstanden sehr bunte und zuversichtlich gestimmte – in Öl gemalte – Landschaftsbilder im Impressionismus-Stil. Diese figurative Phase in seinem Schaffen sollte danach von der Zuwendung zur Abstraktion abgelöst werden. Nach der Rückkehr nach Frankfurt fand der Künstler trotz prekärer Lebensverhältnisse und des Mangels an Arbeitsmaterialien die Zuversicht, weiterzumachen. „Ohne diese Zuversicht hätte ich nicht schaffen können – und ohne die Liebe zur Kunst“ – sollte er Jahrzehnte später kurz vor seinem Tod sagen.


IMG 2493neuNach dem Krieg erfuhr sein Leben eine gewisse Stabilisierung. Er heiratete und zog in das bescheidene und beengte Elternhaus seiner Frau im Frankfurter Stadtteil Nied. Seine Bemühungen bei den städtischen Behörden um ein größeres Atelier schlugen fehl, und so arrangierte er sich mit den Gegebenheiten, arbeitete fortwährend an neuen Werken, und es gelang ihm sogar, einen kleinen Kreis von Anhängern um sich zu versammeln. Nach einer Reihe „praktischer“ Arbeiten aus den 1960er Jahren wie Plakaten, Wandteppichen, Postkarten- und Exlibris-Entwürfen und schließlich sogar einer großzügigen Gestaltung der Kirchenfenster von Sankt Anna in Frankfurt-Hausen, kam er immer wieder zum Holzschnitt zurück – seinem bevorzugten Medium. Im Spätwerk manifestiert sich die lebenslange Suche nach neuen Ausdrucksformen zwischen Figurativem und der Abstraktion in düsteren schwarz-weißen Zyklen von allumfassender existentieller Tragweite und Bedeutung. So verfolgt er in einer Reihe von Holzschnitten die Auflösung und das Neuentstehen einer Liebesbeziehung zwischen zwei Menschen. In einem anderen Zyklus werden in einer Abfolge von sieben Darstellungen (Traum – Sehnsucht – Begegnung – Tanz – Mutterschaft – Taufe – Tod) entscheidende Lebensstationen geschildert, die ihn zu einer beeindruckenden Chiffre für das ganze Dasein machen.


Mit der Mitbegründung der Künstlergruppe Frankfurter Sezession in den 50er und der Ausstellungsgemeinschaft Frankfurter Kreis in den 70er Jahren, stieg sein Bekanntheitsgrad durch wachsende Möglichkeiten, eigene Werke in Ausstellungen einem weiteren Publikum vorzustellen. Trotzdem blieb seine wirtschaftliche Situation auch in dieser Zeit angespannt. Es ist bekannt, dass er sich aus einer Druckerei Restfarben für seine Drucke besorgte und 1971 vom hessischen Kultusministerium 300 DM (sic!) als wohlwollende Unterstützung erhielt.


Georg Heck war bis ins hohe Alter hinein IMG 2515neuschöpferisch tätig, was viele Entwürfe aus dem Spätwerk bezeugen. Sein Experimentieren mit Motiven und verschiedenen Techniken und seine immerwährende Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten blieb ungebrochen. Allerdings blieb er nur in Fachkreisen bekannt. In der breiten Öffentlichkeit geriet er bald nach seinem Tod in Vergessenheit. Um ihm eine angemessene Wertschätzung zuteilwerden zu lassen, gründete sich alsbald in Nied ein „Kulturkreis Georg Heck“, der sein Schaffen in mehreren Ausstellungen würdigte und zum 100. Geburtstag des Künstlers eine große Schau in der Schirn mitorganisierte.


Zum wechselvollen Leben des Künstlers, über dem ein Fluch zu liegen schien, passt auch das Schicksal einiger seiner Werke, das sie nach seinem Tod ereilte. Leihgaben des „Kulturkreis Georg Heck e.V.“ an die Goethe-Universität, die zur Geschichte und Tradition passend im Casino des IG-Farben-Gebäudekomplexes ausgestellt waren, wurden bei Studentenunruhen im Jahre 2009 beschmiert und beschädigt. Zwei Jahre später kam es an derselben Stelle zu einem Kunstraub von sieben farbigen Holzschnitten, die bis heute als verloren gelten. Diese Ereignisse hat Georg Heck – zum Glück – nicht mehr erlebt. Die gegenwärtige Ausstellung bietet eine Gelegenheit, diesen außergewöhnlichen Künstler zu würdigen und der Vergessenheit zur entreißen. Die Ausstellung läuft noch bis zum 9. Februar 2020.

 


MUSEUM GIERSCH der GOETHE UNIVERSITÄT
Schaumainkai 83
60596 Frankfurt

 

Öffnungszeiten: Mo geschlossen
Di – Do 12 – 19 Uhr
Fr – So 10 – 18 Uhr

 

Dezember 2019
Text: pis
Fotos: Pet

 

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