TeaserbildEs ist immer wieder schön, wie in Frankfurt Kunst­interesse und Stiftungswesen Kultur für alle schaffen: Der Kunstverein präsentiert jetzt acht junge Akteure aus der Region. So soll es künftig alle zwei Jahre sein.

 

 

„And this is us: Junge Kunst aus Frankfurt“ lautet der selbstbewusste Titel der Aus-stellung. Ihr ging ein sorgfältiger Auswahlprozess voraus. Franziska Nori, Direktorin des Hauses und Kuratorin hat 40 Ateliers besucht und schließlich acht Künstler und Künstlerinnen ausgewählt, mit denen sie jetzt arbeitet. NorierklärtHammari MG 9782 Die Absicht ist es, die Vielfalt heutiger künstlerischer Praktiken aufzu-zeigen und ein möglichst facettenreiches Bild der aktuellen Kunstproduktion zu zeichnen. Auffallend dabei ist deren Aus-einandersetzung mit dem Unmittelbaren, den Stoffen, die ihnen die reale Welt bietet. Ihr Widerstand gegen Vorinter-pretiertes wie Vorgefundenes ist offen-sichtlich. Alle Ausgewählten bekamen einen kleinen Etat, um ihre Räume zu gestalten. Ermöglicht hat die Ausstellung die Dr.- Marschner-Stiftung. Diese begleitet finanziell sowohl kleinere Projekte als auch große ambitionierte Vorhaben aus den Bereichen Wissenschaft, Kultur und Soziales, ausschließlich regional und gezielt für die Menschen in Frankfurt und Offenbach.

 

Im Keller wartet ein Wolf auf die Besucher. Gezähmt, um in Filmen Zuschauer zu begeistern oder einzuschüchtern, je nachdem, was man persönlich mit einem Wolf assoziert. In vielen Kulturen ist der Wolf ein Symbolträger, taucht in Mythen und Märchen auf, ist ein Gott oder eine andere Seite der menschlichen Psyche. Wolfzuschauer MG 9761 Hier gehorcht er Befehlen. Läuft vor einer grünen Leinwand (in die später für Filme computerkreierte Bilder eingearbeitet werden können) hin-und her, klettert auf einen Stein, posiert regungslos. Starrt den Betrachter an. Blick und Körper-haltung lassen die Spannung im Inneren erahnen. Jonas Brinker konzentriert sich in seinem Video nur auf das Tier. Kalkuliert aber die vielfältigen Projektionen, die Menschen mit dem Wolf haben, mit – und das sorgt für Gesprächsstoff. Denn seit seiner Rückkehr in die deutschen Wälder gilt es sich zu positionieren: Haben wir Angst vor oder schätzen wir Klugheit und Freiheit dieser Kreatur?

 

Im Erdgeschoss trifft der Besucher auf Catharina Szonns umgewandeltes Heugebläse. Das Gerät wurde einst in der Landwirtschaft benutzt, jetzt hat Szonn daraus eine kinetische Maschinen-Plastik geschaffen. Sie zerlegte das Rohrsystem, ergänzte es mit neuen Versatzstücken und baute einen geschlossenen Kreislauf, in dem Textfragmente zerhäckselt und umhergewirbelt werden. NorierklärtSzonn MG 9765Alle halbe Stunde springt ein Motor an, um mit lautem Getöse effizient nur eines zu schaffen: „Überdehnungsmobilität“, die wiederkehrende und gleichförmige Pro-duktion von unnützen Dingen wie Text-schnipseln oder Klimakonferenz-Erklärun-gen bei gleichzeitigem Verbrauch von Energie. Die Studentin der Hochschule für Gestaltung formuliert mit ihrem Werk eine Frage zur Rationalität und Effizienz von Arbeitsvorgängen und politischen Entscheidungsfindungen: Macht eine Wiederholung Sinn, die scheinbar durch Zögern aufgewertet wird, dann aber das Ziel verliert, an dem es ursprünglich orientiert war?

Im ersten Stock hat Hanna-Maria Hammari verformte und glasierte Keramiken mit Detail Hammari ArmsRace MG 9776oxidierten Metallketten verbunden. Das Material selbst erzählt von dem Brennprozess, dem es unterzogen wurde. Hammari begeistert sich an der Physis und den Wandlungsmöglichkeiten des Materials. Wie sie es handwerklich bearbeitet, richtet sich auch nach ihren verfügbaren materiellen Mitteln und dem Kontext des Ausstellungsortes. Die Skulptur „Arms Race“ – also „Wettlauf der Waffen“- beeindruckt durch sein Arrangement, erschließt aber nicht die Namensgebung.

 „For rent“ – „Zu vermieten“ – nennt Max Geisler ironischerweise seine raumfüllende Installation. Haben hier Mietnomaden gewütet, hat eine Explosion den Raum zerstört, oder wollen die Eigentümer ihn zur Sanierung günstig vermieten? Weder noch, Max Geisler arbeitet sich gerne in seinen „Bildräumen“ an Farben und Materialcollagen ab. Detail MaxGeisler MG 9792Der Raum wird zur Leinwand von maleri-schen und bautechnischen Interven-tionen. Geisler entwickelt sein zwei-dimensionales Bild eines Raumes in eine dreidimensionale und begehbare Skulp-tur. Er gestaltet eine zerstörerische Kom-position, bei der reale und illu-sorische Perspektiven mit der Umgebung verschmelzen, als würde die Realität der „neuen Altstadt“ durch Sollbruchstellen im Kunstverein Erinnerungen an das abgewrackte Technische Rathaus wachrufen.

 

Bertrand Flanet könnte als Model in der Modeindustrie arbeiten, beschäftigt sich aber lieber mit Animationsfilmen, in denen er mit Hilfe eines Ego-Shooter-Programmes Traumwelten erschafft. Der Mittelpunkt seiner Installation ist eine digital geschaffene Landschaft, in der sich ein Wesen mit hoher Geschwindigkeit vorwärtsbewegt, kurz über dem Boden. Detail Flanet MG 9800Die rasende Fahrt führt zu einem auf der Erde liegenden Körper, der bedrohlich wirkt, ein Monster sein könnte. Die Musik ist spannungsgeladen und weckt Erwartungen an weitere Handlungen, die nicht eingelöst werden. „Suspense“ nannte Hitchcock den Bruch erzählerischer Erwartungen zugunsten einer nicht kalkulierbaren Überraschung. Der Meisterschüler der Städelschule  hat seine Figuren aus der geläufigen Ästhetik von Comics und Manga gewonnen – und als Überbau zum Film zwölf bedruckte Stoffbahnen an die Wände gehängt, auf denen eine Heldengeschichte passend zum Film erzählt wird.

 

Wagehe Raufi MG 9807Wagehe Raufi will Grenzen auflösen, künstliche Landschaften entstehen lassen und „digitale Räume erwecken“. Dazu analysiert sie die Oberfläche ihrer ausgewählten Objekte mit Laserscannern, doppelt sie in digitaler Spiegelung, bricht sie auf und hinterfragt so deren materielle Präsenz.

 

 

Im zweiten Stock des Kunstvereines arbeitete Viviana Abelson an ihren Skulpturen. Die Meisterschülerin der Städelschule bringt Formen aus Gummi buchstäblich in ein Spannungsverhältnis mit Stahl. Der Austausch von physischen und körperlichen Energien steht Gruppe Leicher MG 9827im Zentrum ihres Schaffens. Spannung und Druck werden nach der anstrengenden Bearbeitung in den Objekten lesbar. Sie teilt sich den Raum mit Christian Leicher, der mit reduzierter Farbpalette großformatige Acrylgemälde anfertigt. „Versautes Landschaftsbild“ nennt er eines davon - nicht ohne Ironie. 

Es sind ausladende und raumgreifende Arbeiten, die beweisen, daß das Rhein-Main-Gebiet mit seinen Kunsthochschulen, Ateliers und Galerien durchaus eines der wesentlichen Zentren junger Kunst ist. Es geht darum, die hiesige Szene zu stärken und davon abzuhalten, nach dem Ende der Ausbildung immer nach Berlin ziehen zu wollen.

 

„And this is us“ – junge Kunst aus Frankfurt“, ist bis zum 12. Mai im Frankfurter Kunstverein, Steinernes Haus am Römerberg, Markt 44, zu sehen. Die Öffnungszeiten sind dienstags bis sonntags von 11 bis 19 Uhr und donnerstags von 11 bis 21 Uhr. Montags bleibt das Haus geschlossen. Der Eintritt kostet acht Euro, für Frankfurt-Pass- und Kulturpass-Inhaber ein Euro. Künstlergespräche gibt es wöchentlich ab 7. März bis 25. April jeweils Donnerstags um 19 Uhr in dieser Abfolge: Jonas Brinker, Max Geisler, Catharina Szonn, Wagehe Raufi, Hanna-Maria Hammari, Viviana Abelson mit Christian Leicher und Bertrand Flanet. Öffentliche Führungen sind am 3., 17. und 31. März sowie am 14. und 28. April und am 12. Mai je um 14 Uhr. Am 31. März führt die Museumsleiterin und Kuratorin Franziska Nori.

 

Text: rub

Photos: pet

(2.März - 12.Mai 2019)
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