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Palingenesis ANach 50 Jahren sind die Werke von Lee Krasner wieder in Europa zu sehen. Die Schirn Kunsthalle präsentiert die Hauptwerke dieser Pionierin des amerikanischen Expressionismus.

 

 

Die Schirn widmet dieser mutigen, außergewöhnlichen Frau und Künstlerin eine große Retrospektive. Zuletzt wurden ihre Werke 1965 in der Londoner Whitechapel Gallery gezeigt. Für diese Bilder umfangreiche Werkschau konnten Leihgaben aus zahlreichen Museen, öffentlichen und privaten Sammlungen zusammengeführt werden. Darunter so namhafte Institutionen wie das Metropolitan Museum of Art (New York City, U.S. A.), der National Gallery of Washington (U.S. A.) oder dem Jewish Museum New York, eines der führenden Museen für jüdische Kunst und Kultur in den Vereinigten Staaten von Amerika. Die Ausstellung wird ermöglicht durch die Art Mentor Foundation Lucerne, Schweiz und zusätzlich unterstützt durch die Terra Foundation for American Art (Chicago, U.S. A.), einer vom Unternehmer Daniel J. Terra gegründeten Stiftung. Kuratiert wird diese besondere Ausstellung von Eleanor Nairne von der Barbican Art Gallery, London, und Dr. Ilka Voermann, Schirn Kunsthalle, Frankfurt.

Am 27. Oktober 1908 kommt Lena Krasner als Tochter ukrainisch-jüdischer Eltern in New York zur Welt. Die Familie war vor der barbarischen Judenverfolgung in der Ukraine geflohen. Schon als Vierzehnjährige Lee Krasnerverfolgte sie zielstrebig, ohne ein künstlerisches aufrüttelndes Erlebnis gehabt zu haben oder sonstigen Anstoß von außen, das Ziel, Künstlerin zu werden. 1922 bewirbt sie sich an der einzigen höheren Schule, die Kunstunterricht für Mädchen anbietet, die Washington Irving High School. Ungefähr zu dieser Zeit beginnt sie ihren Vornamen zu ändern. Erst in Lenore und gegen Ende der 1920er Jahre dann in Lee. Ein Grund für die Namensänderung mit einem eher männlichen Charakter ist nicht bekannt, vielleicht aber dem Umstand geschuldet, dass künstlerischen Werken von Frauen nicht die gleiche Wertschätzung, wie Frauen allgemein, entgegengebracht wurde. Beispielsweise kommentierte der deutsche Maler Hans Hofmann, der sie maßgeblich beeinflusst hat, eines ihrer Werke mit dem toxischen Kompliment: „Das ist so gut, dass man nicht merkt, dass es von einer Frau gemalt wurde“. 1926 beginnt sie in Manhattan ihr Studium an der Women’s Art School der Cooper Union. 2 Akt Kohle2Jahre später verlässt sie diese und arbeitet als Aktmodell. Im September des gleichen Jahres beginnt sie ihr Studium an der National Academy of Design. Hier kann sie Kunst in gleichgeschlechtlichen Klassen studieren. Aus dieser Zeit präsentiert die Schirn Kunsthalle einige Kohlezeichnungen und „Self-Portrait“, ein Ölgemälde, ihre Bewerbung für die National Academy of Design. Sie stellt sich als selbstbewusste Künstlerin dar. In beiden Institutionen galt sie als schwierig. In ihrer Akte heißt es: „Diese Studentin ist eine Plage, besteht auf ihren eigenen Willen, anstatt Schulregeln zu befolgen“. Ihre „Renitenz“ beruht nicht nur auf den starren Schulregeln, sondern auch auf den verkrusteten Lehrmethoden. Sie nimmt Unterricht im Aktzeichnen am City College.
1930 eröffnet das Museum of Modern Art die Ausstellung „Painting in Paris“. Die „Begegnung“ mit Matisses und Picassos beeindruckt sie intensiv und nachhaltig. Es folgen Kurse am City College of New York, und Ende der 1930er Jahre schreibt sie sich an der School of Fine Arts ein, gegründet von dem deutschen Maler Hans Hofmann. Genau (!), der mit dem toxischen Kompliment. Er macht sie mit dem Prinzip des Kubismus vertraut. Ihre Arbeiten werden erstmals im Rahmen der Ausstellung „Pink Slips over Culture“ in den ACA Galleries New York öffentlich gezeigt.

Jackson Pollock (Info Box), ihren späteren Ehemann und einzigen US-amerikanische Maler, dessen Name sie in dieser Ausstellung nicht kannte, lernt sie 1941 auf der Schau „American and French Painting“ Little Image kennen. Krasner und Pollock heiraten 1945 und ziehen in ein altes Farmhaus in Springs auf Long Island. Während ihr Mann sich die Scheune als Atelier einrichtet, begnügt sie sich mit einem improvisierten Arbeitsraum im Schlafzimmer im oberen Stockwerk des gemeinsamen Hauses. In dieser Phase entstehen geometrische Werkstücke, die sie „Little Images“ nennt. Diese Arbeiten nennt sie selbst „hieroglyphisch“. In einem strengen Raster von rechts nach links gemalt, was sich wahrscheinlich an der hebräischen Schrift orientiert, die sie in ihrer Kindheit erlernte.
Ihre erste Einzelausstellung wird 1951 in der Betty Parsons Gallery präsentiert, doch keines der ausgestellten 14 Werke verkauft sich. Später verwertet sie die Arbeiten für Collagen.
1956 entsteht die Serie „Prophecy“. Pollocks Alkoholkrankheit verstärkt sich zusehends. Als er auch noch eine Geliebte hat, stellt Krasner ihm ein Ultimatum und bricht zu einer Europareise auf. In Paris erreicht sie die Nachricht Prophecyvon Pollocks Tod. Mit seinem Cabrio hatte er einen tödlichen Autounfall, bei dem seine Freundin schwer verletzt wird, und deren Freundin ebenfalls verstirbt. Im darauffolgenden Jahr beginnt sie das Atelier in der Scheune zu nutzen. Sicherlich rief das Arbeiten in der Scheune schmerzliche Erinnerungen wach. Nun entstehen viele ihrer großformatigen Werke. Sie muss aber feststellen, dass sie außer Stande ist, alleine in Springs zu leben und kehrt nach Manhattan zurück. Fortan pendelt sie zwischen beiden Orten. Als 1959 ihre Mutter stirbt, beginnt für Lee Krasner eine düstere Phase. Der Tod ihrer Mutter, so kurz nach Pollocks tragischem Unfall, stürzt die Künstlerin in tiefe Depressionen. Night Journey The GuardianSie leidet unter schweren und chronischen Schlafstörungen und malt fast ausschließlich nachts. In dieser Zeit entsteht die Werkserie „Night Journeys“. Das nächtliche Arbeiten reduziert ihre Farbpalette auf Weiss und Amber. Es entstehen Bilder in gedeckten Erdtönen. Mitte der 1960er Jahre wird ihr bei einem Spaziergang überraschend schwindlig. Sie stürzt und bricht sich den rechten Arm, ihre Arbeitshand. Davon lässt sie sich aber nicht beirren und bringt sich das Malen mit links bei. Sie drückt die Farbe aus der Tube direkt auf die Leinwand und führt ihre linke Hand mit den Fingerspitzen der rechten. Allmählich kehren Farben in ihre Arbeiten zurück. Die in den 1960er entstandenen Werke wirken wie eine Befreiung. Kräftige Farben, großformatige und raumgreifende Bilder entstehen. Die Ausstellung schließt mit zwei Zyklen aus Krasners Spätwerk aus den 1970er Jahren. Anfang dieses Jahrzehnts beginnt sie eine Serie mit abstrakten Formen und kontrastierenden Farben. Aus dieser Serie präsentiert die Schirn eines der Hauptwerke der Künstlerin, „Palingenesis“. Die Werke aus dieser Zeit erinnern an Farbfeldmalerei (Info-Box) und kündigen sich schon in den Arbeiten aus den späten 1950er Jahren an. Danach wendet sich Krasner, ab Mitte der 1970er Jahre, Collagen zu. Es dominieren scharfkantige Formen. CollageAls Materialien nutzt sie eigene Zeichnungen und Aktstudien in Kohle aus der Zeit ihres Studiums. Diese Werke, wie auch schon frühere Arbeiten, verstand sie als kritische Auseinandersetzung mit ihrem eigenen Schaffen und Vermächtnis.
Krasner gilt als eine der einflussreichsten KünstlerInnen des abstrakten Expressionismus („New York Style“ genannt) der ersten Generation in den U.S. A. Diese Kunstrichtung zeichnet sich durch die Suche nach einer neuen bildnerischen Sprache und die Abkehr von europäischen Bildtraditionen aus. Im Unterschied zu vielen anderen KünstlerInnen entwickelt sie nie eine eindeutig wiedererkennbare künstlerische „Handschrift, ihr galt dies als erstarrt und beunruhigend. In einem Interview äußerte sie „Das einzig Beständige im Leben ist Veränderung“, was ihre Haltung zum Leben und ihren Arbeiten in Gänze widergibt. Sie greift immer wieder auf ihre Werke und Themen zurück und entwickelt daraus immer wieder neue künstlerische Ausdrucksformen. Bird Talk 1 Sie selbst äußerte sich dazu folgendermaßen: „Wenn ich auf mich selbst zurückgreife, dann sehe ich es gerne als eine Art Wachsen“.
Die Künstlerin setzt sich auch öffentlich für die Gleichberechtigung ein. Sie engagiert sich in der Gruppe „Women in the Arts“ und demonstriert beispielsweise vor dem Museum of Modern Art. Der Protest richtet sich gegen die mangelnde Beachtung von Künsterinnen. Freunde beschrieben Lee Krasner als sarkastisch, streitlustig, einmalig, ehrlich und brillant.

Lee Krasner verstirbt 1984 in New York.

Die Schirn Kunsthalle präsentiert Arbeiten der Künstlerin von den 1920er- bis 1970er- Jahren. Der Ausstellungsparcours im Obergeschoss beginnt mit dem GalerieFrühwerk der Künstlerin. Die BesucherInnen können von diesem Ausgangspunkt aus den Weg der Künstlerin in die Abstraktion nachvollziehen. Von den frühen Arbeiten, beispielsweise den Kohlezeichnungen bis zum Spätwerk, den großformatigen Werken, „begleiten“ die BesucherInnen die künstlerische Entwicklung Krasners. Für Freunde und Freundinnen zeitgenössischer moderner Kunst ist diese Ausstellung ein Muss. Alle, die mit dieser Kunstrichtung bisher vielleicht „fremdeln“, sollten sich die Gelegenheit eines Besuches nicht entgehen lassen. Mit den Worten von Dr. Philipp Demandt, Direktor der Schirn Kunsthalle Frankfurt: „Lee Krasner ist eine der wichtigsten Malerinnen der US-amerikanischen Nachkriegsmoderne, und dennoch hat ihr Werk nicht die verdiente Aufmerksamkeit erfahren. Es erstaunt, dass unsere Ausstellung ihre erste Retrospektive in Europa nach über 50 Jahren ist. Die noch immer oft vorrangig als männlich wahrgenommene Kunst des abstrakten Expressionismus erfährt mit dieser Würdigung eine lange überfällige Neubewertung Krasners“.

 

Text Und Foto: LuP

November 2019

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