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Käfer 4Das Verhältnis zwischen Mensch und Natur steht im Mittelpunkt der aktuellen Ausstellung im Frankfurter Kunstverein. Kunst trifft Wissenschaft und eröffnet neue Sichtweisen.



Das Senckenberg Naturmuseum und der FKV (Frankfurter Kunstverein) bringen in dieser Ausstellung naturwissenschaftliches Wissen und Kunst zusammen. Nicht als Gegensätze, sondern als Partner und Mittler eines fortgeschrittenen Wissens. Franziska Nori ist Leiterin des FKV und Kuratorin dieser Schau. Philipe Havlik, aus dem Stab Zentrale Museumsentwicklung bei Senckenberg, stand Ihr mit wissenschaftlicher Expertise zur Seite.
Volker Mosbrugger, Generaldirektor der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung, und Franziska Nori stehen schon seit Jahren im Austausch. Eine Frage tauchte dabei immer wieder auf, wie kann faktisches Wissen aus der Abstraktion in erfahrbare Realität übersetzt werden, also wie wird aus wissenschaftlicher Erkenntnis für jede und jeden ein verständliches und nachvollziehbares Erlebnis?

Der FKV widmet sich seit einigen Jahren den Fragestellungen der digitalen Kultur, Natur- und Geisteswissenschaften. Beispielhaft dafür stehen die Ausstellungen „Rückbindung an Welt“ oder „Empathie der Dinge“. Folgerichtig werden Künstler*innen bevorzugt, die sich in Ihren Arbeiten diesen Fragestellungen und den damit verbundenen gesellschaftlichen Zusammenhängen widmen. Kunst hat die Freiheit, andere Sichtweisen auf die Gesellschaft und das Individuum zu eröffnen. Die Arbeiten von Sonja Bäumel, Edgar Honetschläger (beide aus Österreich), Dominique Koch aus der Schweiz und des Künstlerkollektivs Studio Drift (Holland) werden ausgestellt. Diese Ausstellung bespielt die gesamte Fläche des FKV. Die Schau ist ein Dialog zwischen zeitgenössischer Kunst und Ausstellungsstücken aus der Senckenberg-Sammlung.

 

Im Erdgeschoß werden die Besucher*innen von einer Zusammenstellung der Denkmodelle über den Platz des Menschen in der Natur empfangen. Vom aristotelischenTreeofLife 2 Scala Naturae (hierarchische Anordnung der Lebewesen) mit dem Menschen an der Spitze über Darwins Tagebuchaufzeichnungen bis ins 21. Jahrhundert, in der tausende von Arten ohne Hierarchie dargestellt werden. Diese „Trees of Life“ (Lebensbäume) dokumentieren über die Jahrhunderte die sich wandelnde Sichtweise des Menschen und seiner Stellung auf diesem Planeten.

Weiter führt der Ausstellungsparcours an einem 250 Millionen Jahre alten und zwei Meter hohen versteinerten Baum aus dem Petrified Forest (Versteinerter Wald), Baum 2einem Nationalpark in Arizona. Der Baum erinnert mehr an eine Skulptur, denn an ein Fossil. Besondere Bedingungen haben dazu geführt, dass er im Licht in außergewöhnlichen Farben schillert.

Im ersten Stock ist Sonja Bäumel ein eigener Ausstellungsraum gewidmet. Ihre ArbeitenMicro 2 stellen die Sonderstellung des Menschen in Frage. Bäumels ausgestellte Exponate sind lebende Kunstwerke. Das Material dafür sind Mikroorganismen ihrer eigenen Haut. Hintergrund ist, dass der Mensch mit diesen Organismen symbiotisch zusammenlebt, die 50 % des menschlichen Körpers ausmachen. Wenn am man den Ausstellungsraum betritt, sieht man links zwei an Sarkophage erinnernde Gebilde. Die Deckel sind beschlagen durch die Wärme des in den Gebilden ablaufenden biologischen Prozesses. Rechts im Raum ist eine überdimensionale Petrischale,Micro 4 in der ebenfalls ein biologischer Prozess abläuft und einen leichten hefeartigen Geruch verströmt.

Im Nachbarraum wird der Film „Symbiotic Earth“ gezeigt. 2017 feierte er seine Weltpremiere Lynn 1an der University of Oxford. Thematisiert wird die Gaia-Hypothese von James Lovelock, einem britischen Mediziner, Chemiker und Biophysiker. Kurz gefasst besagt die Hypothese, dass der gesamte Planet ein lebender Organismus ist. Lynn Margulis untermauerte diese Theorie mit Ihren eigenen Forschungserkenntnissen in der Mikrobiologie.

In Intervallen hallt ein fremdartiges, glucksendes Geräusch durch das Gebäude.

 

Die nächste Station dieser breitangelegten und überraschenden Werkschau sind Werke von Edgar Honetschläger. Seine künstlerische Arbeit dreht sich um die Fragen der kulturellen Käfer 5Gegebenheiten und das Verhältnis des Menschen zur Natur. Honetschläger ist Filmemacher, Künstler und Umweltaktivist. Zum ersten Mal in Deutschland wird sein Projekt „GoBugsGo“ gezeigt. Diese Aktion hat er 2018 ins Leben gerufen. Die Vision dieser Non-Profit Aktion ist die Rückgewinnung von Lebensraum für Insekten. Ohne sie wäre die Natur in wenigen Jahren am Ende. Seine aktivistische Arbeit wird gemeinsam mit einer historischen Insektensammlung der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung gezeigt. Seine Arbeiten stehen in der Tradition der Avantgardebewegungen des 20. Jahrhunderts. Er versteht Kunst als politische Handlung, um die Gesellschaft von innen heraus zu verändern.

Im oberen Stockwerk stößt man auf die Werke des Künstlerkollektivs Studio Drift. Ihre Werkreihe heißt „Materialism“. Studio Drift sind die Künstler*innen Element 5Lonneke Gordijn und Ralph Nauta. In Ihren Arbeiten untersuchen Sie, in welcher Beziehung der Mensch zu dem von ihm geschaffenen Technologien und Dingen steht. Beispielsweise wird ein Alltagsgegenstände wie Mobiltelefone  dekonstruiert und auf seine ursprünglichen Elemente reduziert. Gleiches haben die Kunstschaffenden mit einer M16 und AK47 (weltweit die bekanntesten Maschinengewehre) gemacht. Industrielle Objekte werden in ihre ursprüngliche Form zurückgeführt. Sie sind wieder reine Rohstoffe geworden und wurden in die Formensprache der klassischen Moderne übersetzt (expressionistisch, geometrische Formen).

In unmittelbarer Nähe zu den Arbeiten von Studio Drift finden die Besucher*innen die Quelle aller Elemente auf unserem Planeten, das Weltall. Sei es der Phosphor und Meteor 2das Kalzium in unseren Knochen oder das Wasser der Ozeane, die Basis des Lebens kommt aus dem Universum. Ausgestellt sind Moldavite (grüne, natürliche Gläser, bei einem Metoriteneinschlag entstanden) und unvorstellbare Milliarden Jahre alte Meteoriten. An einer Virtual Reality-Station kann man einen Meteoriteneinschlag „live“ erleben. Sobald man die Simulation startet, schwebt man im All. Unter sich unser schöner Heimatplanet. Eine angenehme Stimme aus der Stille des Universums bereitet auf das Geschehen vor. Ein Meteorit von der Größe des Weißen Hauses zieht vorbei, Kurs Erde. Die Besucher*innen werden Zeugen eines gewaltigen Einschlags. Unversehens findet man sich auf der Erde wieder und beobachtet die Auswirkung der enormen Zerstörung.

Der Ausstellungsparcours führt zu Dominique Koch. Im Zentrum des präsentierten Werkes steht der aktuelle Diskurs zahlreicher wissenschaftlicher Disziplinen. Im Kern geht es um das kritische Hinterfragen gefestigter Denkmodelle auf Basis von neuem Wissen. Hierzu wird ein Film von Dominique Koch gezeigt. Das Werk „Holobiont Society“ ist eine Montage aus Interviews dreier angesehener Wissenschaftler. Namentlich sind dies Scott Gilbert (Evolutionsforscher), Maurizio Lazzarato (Soziologe und Philosoph) und Donna Haraway (Naturwissenschaftshistorikerin und Frauenforscherin), die sich kritisch mit genetischem Determinismus (die Vorstellung, wir sind nur Erzeugnisse unserer Gene), Kapitalismus und seiner ausbeuterischen Natur und inwieweit die Idee der Sonderstellung des Menschen problematisch ist auseinandersetzen. Unterlegt ist die Arbeit mit der elektronischen Musik von Tobias Koch.

Es ist an der Zeit, dem glucksenden Geräusch nachzugehen und man wird im Untergeschoß fündig. An John Lennon vorbei, kommt man zur Rauminstallation Tropfen 1gder Hochschule Trier und der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung. Die Besucher*innen tauchen in das Leben in einem Wassertropfen ein. Die darin lebenden Kleinstlebewesen sind riesengroß erlebbar. Eine ganze Welt in einem einzigen Tropfen. Dieses Werk wird im FKV erstmals präsentiert.


Das Ausstellungsprojekt „Trees of Life – Erzählungen für einen beschädigten Planeten“ bezieht seine Spannung aus dem Miteinander der Naturwissenschaft und Kunst. Die historisch gewachsene ichbezogene Sichtweise des Menschen zu seiner Umwelt wird hier in Frage gestellt. Diesem Selbstverständnis wird ein systemisches entgegengesetzt, der Mensch als Teil der Evolution.
Nicht erst seit „Fridays for Future“ mahnen Wissenschaftler*innen und Umweltaktivist*innen einen sorgsamen und vernunftbasierten Umgang mit dem Planeten an. Kritisch wird das ökonomische Denken und Handeln der Gesellschaft in dieser aufwendig gestalteten Schau hinterfragt. Diese Ausstellung ist ein starkes Plädoyer für einen Wechsel der Sichtweise ohne belehrend zu sein, ermöglicht durch die Darstellung der Kunst im Austausch mit der Wissenschaft.

 

Text und Foto: LuP
10/2019

 

Eintrittspreise: 8€ regulär, 6€ ermäßigt, 1€ mit Frankfurt Pass.

 

 

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