Home

 MG 1501Soll die Paulskirche in ihrer jetzigen Form saniert oder in den Zustand von 1848 versetzt werden. Das Deutsche Architekturmuseum bereitet die Kontroverse in einer Ausstellung auf.

 

Eine bundesweite und lokale Debatte beschäftigt sich mit der architektonischen Zukunft der Paulskirche. Dieses Denkmal ist auf Grund sicht- und spürbarer Vernachlässigung renovierungsbedürftig.Paulskirche 1 Die Frage, mit der sich die Politiker beschäftigen, ist, ob es einen kompletten Neubau geben soll oder eine Sanierung. Diese Frage ist insofern verzwickt, weil es nicht nur um die Kosten, sondern auch um die Bedeutung des Gebäudes geht. Die Paulskirche ist ein zweifaches Denkmal! In ihr vereinen sich die Erinnerungen an die Anfänge der deutschen Demokratie und an den Wiederaufbau nach dem 2. Weltkrieg. Das Deutsche Architekturmuseum hat diese Debatte als Anlass genommen, in der Ausstellung „Paulskirche – Ein Denkmal unter Druck“ einen detaillierten und rein faktenorientierten Überblick über die 170-jährige Baugeschichte des Gebäudes zu geben.

 

Die Besucher*innen erwartet ein hochinformativer Streifzug durch die Historie des nationalen Denkmals, welche mit dem Bau 1789 MG 1400 2 begann. Ihre Bedeutung als Denkmal bekam die Paulskirche erstmals 1848, als die durch die Märzrevolution entstandene Nationalversammlung ihr erstes Zusammentreffen dort beging. Dort arbeiteten sie an einer Verfassung für den gesamt deutschen Staat – die Frankfurter Reichsverfassung [Info-Box]. Um diese durchzusetzen, kam es im darauffolgenden Jahr zu Aufständen in verschiedenen deutschen Staaten. Preußen und Österreich schlugen diese blutig nieder und lösten die nach Stuttgart geflüchtete Nationalversammlung gewaltsam auf.

Ihre andere Bedeutsamkeit als Denkmal bekam die Paulskirche 1947 mit der Grundsteinlegung des Wiederaufbaus. Wie viele andere bedeutende Gebäude MG 6088 001 in Deutschland ist auch die Paulskirche der Bombardierung im 2. Weltkrieg zum Opfer gefallen. Der Innenraum wurde komplett zerstört. Die Außenmauern blieben jedoch erhalten. Von diesem „Gerippe“ findet man in der Ausstellung auch ein nachwirkendes schwarz-weiß Foto, das im Gegenlicht aufgenommen worden ist. Unter der Leitung von Rudolf Schwarz (Architekt, Autor und Architekturprofessor) entstand ein Nachkriegsbau, in den die erhaltenen Mauern integriert worden sind. Der schlichte Charakter dieses Baus soll die Klarheit des Grundgesetzes spiegeln, welches auf der Grundlage der Frankfurter Reichsverfassung entstanden ist.

Natürlich findet man in der Ausstellung noch weitaus mehr Informationen. Gelbe Schrifttafeln auf schwarzem Hintergrund erzählen die Geschichte der Paulskirche. Verschiedene Symbole  MG 6110über den Texten zeigen die unterschiedlichen historischen Phasen an. Ergänzt werden sie von alten schwarz-weiß und modernen Fotos, Entwurfszeichnungen und einem Modell, welches auch ein klares Bild vom Innenraum der Paulskirche liefert. Besondere Beachtung findet in der Ausstellung der Wiederaufbau nach 1945 und die Umbauten, die in den sechziger und achtziger Jahren stattfanden. Am Ende der Ausstellung ist die Meinung der Besucher*innen gefragt: Neubau oder Sanierung? An einer Post-it-Wand kann man seine Meinung anbringen und auch die Meinungen anderer nachlesen.

 

Die Macher der Ausstellung – das DAM und die Wüstenrot Stiftung – haben öffentlich auch ihre Stellungnahme bekannt gegeben. Peter C. Schmal, Direktor des DAM, MG 1453 die Kuratoren Maximilian Liesner und Philipp Sturm sowie Philip Kurz – Geschäftsführer der Wüstenrot Stiftung – sind gegen einen Neubau. Der Direktor des DAM sagte in Hessenschau.de: „Einen Kompromiss zwischen Rekonstruktion und Heute gibt es nicht“.

Damit beziehen die Macher der Ausstellung dieselbe Position wie die Mehrheit von SPD, CDU und Grüne, welche sich für eine Sanierung der Paulskirche aussprechen. Allerdings gibt es auch in diesen Reihen Befürworter eines Neubaus nach dem Vorbild von 1848. Zur Zeit vereint die Paulskirche noch Teile von beiden Denkmalsbedeutungen in ihrer Bauweise. Dies wäre mit einem Neubau, wie die AFD und BFF (Bürger für freies Frankfurt) ihn fordern, nicht mehr gegeben. Sie wollen einen Vorkriegsbau mit allem Prunk und Pomp. Dabei ignorieren sie drei wichtige Fakten:

  1. die Forderung und der Versuch der Errichtung eines Nationalstaates, angesichts des „Flickenteppichs“ [Info-Box] der auf deutschem Gebiet herrschte, war vernünftig
  2. hatte nichts mit der Forderung der heutigen Nationalisten nach Abgrenzung zu tun
  3. die Paulskirche vereint zwei unterschiedliche Denkmalsbedeutungen, von denen eine zerstört würde.

Von den zu erwartenden Mehrkosten einmal ganz abgesehen.

Bundespräsident Steinmeier und der Frankfurter Oberbürgermeister Feldmann werben für einen Ort offener Debatten und eine Stätte,  MG 6146 2wo „Erinnern erfahrbar“ wird. Der Frankfurter Oberbürgermeister regt außerdem ein Demokratiezentrum an. Ob dieses direkt in der Paulskirche entstehen soll oder in einem anderen, in unmittelbarer Nähe gelegenen zusätzlichen Bau, soll noch erörtert werden. Angestrebt ist ein Sammelpunkt für Bürger, Initiativen und sonstige interessierte Besucher*innen. Es soll ein Raum des offenen Austauschs und gelebter Demokratie entstehen. In diesem Zusammenhang steht zu hoffen, dass die Rotunde im Eingangsbereich des Gebäudes heller und freundlicher gestaltet wird.

Die Kosten werden sich voraussichtlich im zweistelligen Millionenbereich bewegen. Wegen der nationalen Strahlkraft der Paulskirche werden sich der Bund und das Land Hessen an den Kosten beteiligen, zumindest haben dies der Bundespräsident und die Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) signalisiert.

 

Der Oberbürgermeister lädt alle ein, sich in die offene Debatte um die Zukunft der Paulskirche einzubringen. Es gibt derzeit keinen besseren Ort als das DAM, um sich zu informieren. Die Ausstellung läuft bis zum 16. Februar 2020.

Text und Fotos: LuP und srs

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.
Weitere Informationen Ok Ablehnen