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Logo Moderne am MainFrankfurt am Main entwickelte sich in der Weimarer Republik zur modernen Großstadt und als ein dem Bauhaus gleichwertiges Zentrum der Avantgarde. „Moderne am Main“ ist eine sehenswerte Ausstellung.

 

Das „Neues Frankfurt“ erschöpft sich ab den 1920er Jahren nicht im bekannten, von Ernst May initiierten Wohnungsbauprogramm. Frankfurt wurde ein Ort, an dem gedacht, gelehrt und entworfen wurde und vor allem gemacht, weil Künstler, Architekten, Designer, Bürger, Politiker und Unternehmer dasselbe wollten: die neue Stadt.

Eine aufwändige Virtuelle Realität-Installation bietet für Ungeübte den etwas holprigen Einstieg in die Ausstellung des Museums für Angewandte Kunst. Wer aber Brille und den Teaser richtig bedient, bekommt Informationen über einzelne Biografien und Netzwerke, die die Moderne am Main ermöglichten. „Wenn das Bauhaus die Akademie der Moderne war, dann war Frankfurt seine Werkstatt“, sagt Matthias WagnerK, der Direktor des Museums. Sein Claim umreisst den kuratorischen Ansatz im Sinne Fritz Wicherts, einst Leiter der Frankfurter Kunstschule: Kunst war „gesteigertes Handwerk“, freie und angewandte Künste galten als gleichwertig.

 

GegenlichtGemäß der Bedeutung und Wirkung des „Neuen Frankfurt“ ist die Erwartungs­haltung an die Ausstellung groß, die Präsentation in vier Räumen des MAK überschaubar. Plakate, Filme, Fotos, Zeichnungen, Gebrauchsgegenstände wie Tischlampen, Stühle, der Nachbau einer Parkbank und ein Musikinstrument zeigen dennoch die Vielfalt der Ideen und Entwürfe. In acht thematisch gegliederten Bereichen zeichnet sie das Bild einer Stadt, die sich nach dem Ersten Weltkrieg generalüberholte: baulich, gestalterisch, kulturell. Über 500 Objekte dokumentieren den Aufbruch in eine Gestaltungsmoderne, die von Zukunftsoptimismus und Weltoffenheit geprägt war.

 

Messe AusstellungLudwig Landmann trieb das „Erneu-­erungsprogramm“ für die Stadt als Wirtschaftsdezernent und Oberbürger­meister voran. Sein erster Coup war die Wiedereröffnung der Frankfurter Messe 1919. Als Ort des nach dem Ersten Weltkrieg wiederbelebten inter­nationalen Austauschs bildete sie die Grundlage des „Neuen Frankfurts“; dort hatte der Werkbund ein eigenes Gebäude und errichtete Peter Behrens ein „Haus der Moderne“.

 

 Kramer BankBesonders faszinierend ist die rasante Entwicklung Frankfurts zum Archetyp einer modernen Großstadt. Stolz wurden Ansichtskarten über die neuen Frankfurter Siedlungen von 1926-1928 produziert – Praunheim, Römerstadt, Ginnheimer und Bornheimer Hang, Riederwald, Riedhof, Niederrad. Das Frankfurter Baudezernat veranlaßte den Bau von 12 000 Wohnungen. Der verantwortliche Stadtrat für Hoch- und Städtebau heißt ab 1925 Ernst May, an seiner Seite als Hochbaudirektor Martin Elsässer. 

Wer will, kann in Faksimile-Exemplaren des Magazins „Das neue Frankfurt“ auf einer Reproduktion der von Ferdinand Kramer 1927 entworfenen Sitzbank schmökern. Publiziert wurde der universale Anspruch im Mode-, Interieur-, Industrie-, Produkt- und Kommunikationsdesign: Der Zeitschrift kam die Aufgabe zu, die neuen Formen des Bauens, Wohnens und kulturellen Lebens in populärem Gewand zu propagieren. Ungewöhnlich war das quadratische Format, Typografie und die als Bildcollagen gestalteten Titelseiten.

 

Wischeffekt Besucher und TischDie Akteure der Frankfurter Gestaltungs-­moderne stoßen Neuerungen im Wohnungsbau, der Grünplanung und der Bespielung öffentlicher Räume an. Stadtraum und Alltagsleben sollen durch den Einsatz wiederkehrender Gestal-­tungselemente gegliedert werden. Das reicht von der Siedlungsplanung mit Grünanlagen, der Inneneinrichtung, dem Werkstoffkreislauf bis zum Türschloss in der Kleingartenlaube – Hauptsache, die demokratische und solidarische Idee ist in den Entwürfen erkennbar.

Hierfür wurde von Elsässer die Abteilung für Typisierung eingerichtet. Als „Frankfurter Norm“ wurde ein Programm entwickelt, das für die Wohnungen Bauteile wie Fenster und Betonelemente sowie gestalterisch dazu passende Gebrauchsgegenstände wie Türklinken, Möbel, Geschirr normierte. Hier entstand die weltberühmte modulare Küche von Margarete Schütte-Lihotzky im Dienst einer rationellen Haushaltsführung.

 

Die Normvorgaben des Hochbauamtes ermöglichen die Lampenkostengünstige Produktion hoher Stückzahlen und deren gesicherter Absatz in den entstehenden Siedlungen. Die Erwerbslosenzentrale der Stadt Frankfurt produzierte Möbel, die über die städtische Hausrat GmbH vertrieben wurden. Die Konsumgüter der Frankfurter Norm wurden als Hochglanz­beilage mit dem Namen „Frankfurter Register“ in der Zeitschrift „Das neue Frankfurt, Monats­schrift für die Probleme moderner Gestaltung“ publiziert. Sie lieferte Anregungen, auch den umbauten Raum inhaltlich modern zu befüllen. So listet es die „billigen“ Bauhaus-Tapeten, Nirosta-Tafelbesteck, Kramer-Öfen und Aufbaumöbel.

Hans Leistikow entwirft für die Büros der Stadt die Geschäftspapierausstattung. Seine Typografie beeinflusst bundesweit die Gestaltung von Reiseprospekten und Produktbroschüren. Der Besucher lernt das erste „Volkstelefon“ kennen, das Bakelit-„Modell 7800 Modell Frankfurt“ war ein Siegerentwurf der Firma Fuld für einen Gestaltungswettbewerb – leider vergessen nach der Enteignung und Umbenennung in „Telefonbau und Normalzeit“.

Ein wichtige Rolle spielte  auch die Kunstschule Frankfurt, die eng mit den städtischen Ämtern zusammenarbeitete.

Mit der Kommunalisierung rettet die Stadt die durch die Geldentwertung in Bedrängnis geratene Städelschule und fusioniert sie mit der Kunstgewerbeschule. Dieser Ort des „Lernens und Lehrens" wird die akademische Ergänzung zur industriellen Fertigung und Arbeitsort für eine neue Generation von Gestaltern, die für eine Lehrtätigkeit in Frankfurt das Bauhaus Weimar verlassen.

SchuheBecherGrafikimHG„Wir stellen einander gegenüber und suchen zu vereinigen: freie Kunst und angewandte Kunst. Genie und Talent!“ – so Fritz Wichert, der Leiter der Kunstschule 1929. Mitarbeiter des Bauamtes lehren an der Schule, umgekehrt erhalten Lehrer städtische Aufträge, um wichtige Ideen zu realisieren.

Die freien und angewandten Künste wurden gleichranging behandelt, wie in der Schau etwa an Arbeiten aus der Modeklasse, der Typografie und Werbegrafik, der Innenarchitektur und der Malerei zu sehen ist. 

Trotzdem wurden in Frankfurt im Gegensatz zum Bauhaus kaum Ikonen geschaffen, sondern eher Gebrauchsgegenstände für den Alltagsbedarf. Die Ausstellung thematisiert das Bauhaus nicht, zeigt aber Schnittstellen und Kontraste auf. Es ging den Machern am Main nicht darum, Objekte mit repräsentativer Funktion zu schaffen, sondern um die Einheit von Gestaltung und sozialem Engagement.

 

In den 1920ern konnte die Mittelschicht das Konzept der Versorgerehe nicht mehr aufrecht erhalten, junge Frauen drängten in Büroberufe, wurden FotografieKrankenschwester, Lehrerin, Gestalterin oder Fotografin. Fotos von Gisèle Freund zeigen Aufmärsche von Nationalsozialisten, Schutzpolizisten in Aktion und eine 1.Mai Demonstration auf dem Römerberg. Paul Wolffs Motive sind mehr der Alltag in den Hinterhöfen, Schulsport, die Winterhilfe für Obdachlose. Wenn der Komponist Paul Hindemith in einem Film mit Trickeffekten auftaucht und verschwindet, wenn man selbst den Nachbau eines Theremins zum Jaulen bringen kann, zeigt sich die Moderne von ihrer heiteren Seite. Zu sehen sind experimentelle Filme von Oskar Fischinger oder Kompositionen Paul Hindemiths für das frühe elektronische Instrument Trautonium.  Paul Hindemith gilt als Pionier der elektronischen Musik.  Die Stadt förderte mit günstigen Erbpachtbedingungen und Krediten den Aufbau des „Frankfurter Senders“ (SWDR). Dieser gilt 1924-1929 als innovativste Radiostation Deutschlands mit bildungsrelevanten Formaten wie dem ersten Hörspiel „Zauberei auf dem Sender“ und Auftragskompositionen für elektronische Musik – Hindemiths Schwager Hans Flesch ist zufällig der Intendant des Senders.

Mit dem Nationalsozialismus wurde der Frankfurter Moderne der Boden entzogen. Zwar mochte Reichspropagandaleiter Joseph Goebbels die Architektur des Neuen Bauens, erkannte aber, dass eine Attackierung der Moderne und eine Verknüpfung zu Judentum und Kommunismus Sympathien beim Wahlvolk brachte. FotoundFilmEinige der zunehmend diffamierten Akteure siedelten in die Sowjetunion über, wo Stalin ihrem Wirken aber bald Einhalt gebot. Das Bauhaus hingegen blühte mit Walter Gropius im amerikanischen Exil weiter auf und wurde 1945 in die ganze Welt getragen. Das ist einer der Gründe dafür, wieso das 1919 von Gropius in Weimar gegründete Bauhaus, das Kunst und Handwerk zusammenführte, heute als Wiege der Moderne gilt und 2019 weltweit gefeiert wird, während die Ideen des „Neuen Frankfurt“ kaum noch bekannt sind.


Die Ausstellung „Moderne am Main“ kann dies vielleicht etwas ändern und ist bis zum 14.April 2019 der erste Beitrag der Stadt zum Bauhaus-Jubeljahr: Auf sie folgen in den kommenden Monaten Schauen im Deutschen Architekturmuseum (23.März -  18. August 2019) und im Historischen Museum („Stadtlabor“: 15. Mai - 15.September 2019).
und im Historischen Museum.

Text:rub

Bilder:LuP 

Februar 2019

 

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